Demokratie im Klimawandel

Gespräch mit Jacob Blumenfeld | Morten Paul | Daniela Russ

Während Europa in einem beispiellosen Hitzesommer brennt, scheint der Klimawandel aus der öffentlichen Debatte und dem politischen Handeln weitgehend verschwunden. Dabei ist es erst sieben Jahre her, dass weltweit sechs Millionen Menschen bei Klimastreiks für einen grundlegenden Wandel demonstrierten. Mit den Protesten verband sich die Hoffnung, nicht nur die Klimakrise zu bekämpfen, sondern auch den neoliberalen Status quo, globale Ungleichheit und die Macht fossiler Wirtschaftsinteressen infrage zu stellen.

Im Rahmen der Reihe damaged deliberations lädt diffrakt zu einem Gespräch mit Jacob Blumenfeld („Dialektik der Petrifizierung“, „Was war Sozialisierung?“) und Daniela Russ (Working Nature. A History of the Energy Economy): Gemeinsam fragen sie, was aus diesen Hoffnungen geworden ist. Heute scheint sich die Lage grundlegend verschoben zu haben: Klimaschutz wird zunehmend als Bedrohung individueller Freiheit inszeniert, während Regierungen auf Wachstum, technologische Innovation und nationale Abschottung setzen. Rechte Antworten auf die Klimakrise gewinnen an Gewicht.

Doch auch auf der Linken zeigen sich Spannungen. Manche setzen angesichts des Versagens liberaler Institutionen selbst auf autoritäre staatliche Eingriffe und Planung, andere bereiten sich mit Konzepten der Kollapsologie und Praktiken des solidarischen Preppens auf das Überleben in einer Katastrophe vor, die vielerorts längst Realität ist. Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung und individuelle Freiheit scheinen immer stärker zu Gegensätzen zu werden.

Daniela Russ und Jacob Blumenfeld zeichnen die Vorgeschichte dieser Entwicklung nach und diskutieren, ob sich in der Geschichte andere politische Abzweigungen finden lassen: alternative Vorstellungen von Freiheit, Wohlstand, Energie und Natur ebenso wie lange verdrängte Konzepte ökonomischer Planung und Sozialisierung. Wie könnte ein Umgang mit der Klimakrise aussehen, der sie eindämmt, ihre Folgen gerecht bewältigt, ohne Demokratie und Freiheit preiszugeben? Welche politischen Begriffe und Institutionen brauchen wir, um dem scheinbar alternativlosen „Weiter so“ etwas entgegenzusetzen?